Persönlich: Unglück als Chance?

Jedes Jahr frage ich mich, was ich aus der nachösterlichen Zeit mitnehmen kann, das noch länger nachhallt. Oft ist es für uns einfacher, Neujahrsvorsätze durchzuziehen, als das Geschehen an Weihnachten, Ostern und Pfingsten in uns nachhaltiger wirken zu lassen, damit uns der Kern dieser Feste inspiriert, motiviert oder auch innerlich belebt.

Wie gerufen begegnete mir kürzlich ein Bericht, den ich so noch nicht kannte. «Vergeude dein Unglück nicht!», lautete die ungewöhnliche Überschrift – und sie liess mich nicht mehr los. Mitte der 90er-Jahre lebte eine Frau in Edinburgh, Schottland, in ärmlichen Verhältnissen. Sie war in einer Beziehung gefangen, in der Missbrauch und Manipulation keine Seltenheit waren. Sie floh mit ihrer kleinen Tochter, um den tragischen Lebensumständen zu entkommen. Oft verbrachte sie Stunden in Kaffees, weil sie für die Heizungskosten in ihrer Wohnung nicht mehr aufkommen konnte. (Das The Elephant House – ist eins der Cafés in Edinburgh, in dem Rowling am ersten Band schrieb. Bildquelle: Quelle: Enric – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, www.commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=72854134)

Zu dieser Zeit war sie schwer depressiv und sogar suizidgefährdet, hatte aber noch eine leise Hoffnung, dass das Manuskript ihres Buchversuchs auf Interesse stossen könnte – jedoch ohne Erfolg. Gleich von zwölf Herausgebern erhielt sie eine klare Absage, welche sie spüren liess, sie sei nicht gut genug. Trotz dieser existenziellen Krise gab sie nicht auf. Sie begann, ihr vermeintliches Unglück nicht nur als Last zu sehen, sondern als Möglichkeit, Schritt für Schritt weiterzugehen – und jeden neuen Tag als kleine Chance auf Veränderung zu begreifen.

Nach unzähligen Schlägen, die das Leben ihr bot, inmitten grausamer Umstände und scheinbarer Aussichtslosigkeit schaffte es J. K. Rowling am Ende, über 500 Millionen Ausgaben ihres Werkes «Harry Potter» zu verkaufen und wurde so berühmt wie die Queen von England… der Rest ist Geschichte.

Solche Anekdoten zeigen mir immer wieder auf, dass Leiden, Angst und gar Unglück gewandelt werden können; nicht einfach so, nicht ohne Mühe, sondern mit österlichem Geist, der leise, aber umso länger nachwirken kann, sowie der unbändigen Hoffnung auf einen Neubeginn, mitten im Leben, mitten in mir selbst.

DenkMal von Sozialdiakon Rado Stecki

Dieser Beitrag wurde fürs reformiert.lokal im Juni 2026 verfasst. Sie finden die Ausgabe hier.