Persönlich: Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich…

Was würden wir tun, wenn jeder Tag eine Stunde mehr hätte? Ich beginne zu träumen: mehr Sport treiben, öfter spazieren gehen, mehr Zeit mit Freund:innen verbringen, Rezepte aus dem Kochbuch ausprobieren, einen Töpferkurs besuchen. Oder einfach mal eine Stunde nichts tun.

Die Sehnsucht nach mehr Zeit scheint viele umzutreiben. Der Wunsch nach Entschleunigung, mehr Freizeit und mentaler Freiheit. Gefühlt wird die Zeit immer knapper, während der technische Fortschritt zu einem rasanteren Lebenstempo führt – besonders seit dem Internet und den sozialen Medien, in denen Unternehmen unablässig um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren. «Beschleunigung» – ein Begriff des deutschen Soziologen Hartmut Rosa – kommt mir in den Sinn: der Versuch, so viel wie möglich an einem Tag zu tun. Unseren Terminkalender dahingehend zu optimieren, dass wir immer mehr in immer weniger Zeit erledigen können.

Zeitarmut scheint die Diagnose unserer Gegenwart zu sein. Und gleichzeitig verbringen wir unzählige Stunden online, was uns nur noch mehr Zeitnot beschert. Zeit ist zu einer harten Währung geworden – und die 24 Stunden am Tag scheinen nie auszureichen, allen Verpflichtungen irgendwie nachzukommen.

Doch hätten wir jeden Tag eine zusätzliche Stunde zur Verfügung, würde sich für die meisten vermutlich wenig ändern. Denn in Wirklichkeit spielt es keine Rolle, ob ein Tag 24 oder 25 Stunden hat – wir würden wahrscheinlich weiterhin das tun, was unseren Alltag ohnehin bereits bestimmt. Die Tage füllen sich meistens ganz von allein. Vielleicht liegt darin eine Entlastung: die Begrenztheit der Zeit anzunehmen. Vergessen wir die Sätze: «Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich langsamer leben, öfter stehenbleiben, staunen, träumen, innehalten».

Tun wir es! Oder lassen wir bewusst Dinge weg, wenn die Tage sich zu überfüllen drohen und uns die Zeit zu wertvoll erscheint. Nehmen wir uns Zeit für die Dinge, die uns wirklich wesentlich erscheinen und keiner extrinsischen Motivation folgen. Für mich heisst das: Mich immer wieder daran zu erinnern, wofür ich im Leben dankbar bin – und mit der vorhandenen Zeit sorgsamer umzugehen.

DenkMal von Sozialdiakonin Anna Schwaller 

Dieser Beitrag wurde fürs reformiert.lokal im März 2026 verfasst. Sie finden die Ausgabe hier.