Persönlich: Was ist Wahrheit?

Was ist Wahrheit? … wurde der Häftling Jesus von Pilatus gefragt. Viele mögen sich im Zeitalter von Social Media diese Frage stellen. Jede und jeder kann etwas behaupten und ins Netz stellen. Niemand kann es prüfen; eine:r hat mehr den Überblick. Die Wahrheit aber hat in diesem Dschungel und mit immer komplexeren Zusammenhängen einen schweren Stand. Und wem die Wahrheit nicht passt, formuliert einfach seine eigene.

«Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!» sagte Jesus seinen Jüngern und die religiöse Elite raufte sich die Haare. Sie allein hat doch das Monopol für die Wahrheit! «Ich lege für die Wahrheit Zeugnis ab!», sagte Jesus zu Pilatus und die politische Elite blieb sprachlos. Sie allein hat doch die Gerichtshoheit und darf über die Wahrheit entscheiden! Was wohl Jesus mit der Wahrheit genau gemeint hatte? Seine Worte bleiben bis heute Rätsel und Heilsbotschaft zugleich.

Wahrheit für sich allein ist toter Buchstabe und leeres Geschwätz. Zusammen mit der Weisheit aber wird sie zur heilsamen Medizin, die mir guttut. Und zusammen mit der Liebe aber wird sie zur befreienden Erkenntnis, die mein Leben erhellt. Dann öffnen sich mir die Augen. Aber Wahrheit ist sie immer nur für mich und für den kurzen Moment, wo sie mich erreicht und sich mir erschliesst. Festhalten oder gar besitzen kann ich sie nicht. Die Wahrheit für sich allein hat keinen Zweck und ist wie ein Gefängnis. Aber durch die heilige Geistkraft wird sie lebendig und führt mich in die Freiheit. Sie will mir nie Angst machen oder mich gar bedrohen, sondern dient immer dem Leben.

Dass es auch schwerwiegende Konsequenzen haben kann, wenn ich die Wahrheit suche, zeigt der Leidensweg von Jesus. Während er – und mit ihm die Wahrheit – vor aller Welt verurteilt, gefoltert, von Schmerzen gepeinigt, nackt und wehrlos am Kreuz hängt und stirbt und eine Finsternis übers Land fällt, kommt die Wahrheit ans Licht: «Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!» Für einen kurzen Moment blickt der römische Hauptmann der Wahrheit ins Gesicht. Ich kann mir vorstellen, dass es sein Leben grundlegend geprägt hat.

DenkMal von Pfarrer Beat Gossauer

Dieser Beitrag wurde fürs reformiert.lokal im April 2026 verfasst. Sie finden die Ausgabe hier.