Persönlich: Überraschung

Denkmal von Matthias Reuter

Jedes Jahr ertappe ich mich wieder dabei, dass scheinbar ganz plötzlich Advent, Weihnacht und Altjahresabend ist. Wie wenn es eine Überraschung wäre, auch wenn schon am 1. Januar bekannt ist, dass zwölf Monate
später wieder Jahresende ist. Und weil ich so überrascht bin, fühle ich mich etwas überrumpelt und unvorbereitet.

Ich muss für den Beruf so vieles vorausplanen und an die Vorbereitungen denken, dass ich so markante Zeiten eines Jahres wie den Jahreswechsel nicht auch schon Wochen vorher verplanen möchte. Ich habe keine Ahnung – heute am 1. Dezember – was wir am Jahreswechsel machen werden. Man darf ja auch etwas auf sich zukommen lassen, oder?

Ich frage mich, ob es nicht klug wäre, das neue Jahr genauso anzugehen, mit Lücken in der Planung, mit Freiraum für Überraschungen, mit der Möglichkeit, sogar etwas ganz anderes zu machen. Natürlich, je nachdem muss man seine Agenda weit voraus füllen und wichtige Termine sollten unbedingt geplant sein. Aber sonst?

Dazu eine Anregung von Lothar Zenetti mit dem Titel «Ankündigung»:
«An einem der Tage, die kommen,
wird etwas geschehen,
das du nicht kennst, noch nicht,
und auch nicht verstehst,
etwas, von dem du
nur träumst,
was du erwartest, so wie ein Wunder.
Es wird etwas sein, auf das du nicht wartest,
nein, das du suchst,
und weisst auch nicht zu sagen, wonach,
und du suchst es auch nicht, sondern findest,
und nicht einmal das, es findet ja dich,
dieses Lächeln, von dem du gefunden wirst,
an einem der Tage, die kommen.»

Wer weiss, was uns findet? Ein Lächeln
sicher oder ein interessanter Mensch. Vielleicht
ist es auch ein wunderbarer Moment in
der Natur, eine neue Erfahrung mit Gott, oder
Liebe und Freundschaft finden uns. Allenfalls
ist es ein beglückender Augenblick von Freiheit
und Unbeschwertheit. Warum nicht?
Ohne Freiraum im Alltag haben es solche
Überraschungen schwer, in unser Leben zu
treten. Vielleicht nehme ich mir dies an Silvester
fürs neue Jahr vor: Ich will mich finden
lassen, von dem, was ich nicht erwarte,
von dem ich nicht einmal weiss, dass ich
es erwarte. Ich will mich finden lassen von
kleinen oder grossen, himmlischen oder
irdischen Wundern.
DenkMal von PFARRER MATTHIAS REUTER

November – die Ernte ist fast eingebracht, gelagert hoffentlich. In der Kühltruhe wohl. Oder noch im Keller? Oder in der Erinnerung?

Jetzt wird es immer finsterer, die Tage kürzer. Dunkelheit kann uns langsam gefangen nehmen, in schwere Gedanken treiben. Und in Erinnerung an lichte, wunderbare Tage.
Beides mischt sich jetzt. Nicht zufällig fallen im November mehr Menschen in Depressionen als sonst im ganzen Jahr. Trauernde, Bedrückte, die eigentlich Unterstützung brauchen würden: Dunkelheit um sie.

In mir steigt die Erinnerung auf von einer Begegnung in einem Pflegezentrum: Eine – noch junge – Frau lag mit einer schweren Krebskrankheit im Sterben. Und, so sagten ihre Angehörigen, sie sei kürzlich, bevor sie so schwer krank wurde, aus der Kirche ausgetreten. Und dann habe sie gestern plötzlich laut gesagt, immer wieder: «Macht die Türe auf, macht jetzt die Türe auf! Ich will in die Kirche!»

Für mich gab es eine einzige Antwort: «Sagen Sie ihrer Schwester, dass die Türe offen ist. Sie muss nicht vor verschlossener Türe stehen. Wir werden den Abschied in der Kirche feiern, wenn sie stirbt».
In einer Woche war es soweit. Die Predigt für die Kirche schrieb sich fast von selbst, zum Vers aus dem Matthäusevangelium, den ich der Frau beim letzten Besuch vorgelesen hatte: «Bittet, so wird euch gegeben; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch aufgetan!»

Im November klopfen wir an die Tür zwischen Leben und Tod, zwischen Freude und Sorgen. Und wir werden eintreten dürfen, aus dem Dunkeln zum Licht.
Im Dezember bekamen wir als Kinder sogar eine Kerze, die wir jeden Abend anzünden durften. Sie brannte zum nächsten Strich hinunter, während die Eltern eine kleine Geschichte erzählten. Kleine Schritte zum Licht.

Jeden Sonntag im Dezember werden wir eine neue Kerze anzünden. Und vielleicht auch Geschichten erzählen, ziemlich sicher predigen… Immer ein wenig Licht mehr, auf Weihnachten hin. Kleine Schritte zum Licht.
Die Türe wird aufgehen zum Licht, immer wieder.

DenkMal von
Pfarrerin Anne-Marie Müller

Dieser Beitrag wurde fürs reformiert.lokal im November verfasst. Sie finden die Ausgabe hier.