Woche 1 / 16.–22. März

Sonntag, 22. März – Nathalie Dürmüller

Das Gebet und der Humor

«Ab morgen bin ich Kindermädchen, Lehrerin, Fussballtrainerin, Kindergärtnerin, Putzfrau und sollte nebenher auch noch etwas arbeiten.» Das schrieb mir eine Freundin vor einer Woche. Inzwischen haben wir Eltern uns mit der Tatsache abgefunden, dass die Schulen geschlossen sind, aber daran gewöhnt habe ich mich noch nicht. Ich überlege mir oft: Was bedeutet diese Ausnahmesituation für all die «Home-Office»-Eltern, die den ganzen Tag zuhause sind mit ihren Kindern und besonders für all die Alleinerziehenden? Was machen wohl die Kinder den ganzen Tag? Vielleicht sind sie zunächst mit zwei oder drei Stunden Fernunterricht beschäftigt. Aber dann? Netflix schauen? Chatten? Mandalas ausmalen? Das mit der Selbstdisziplin fällt Kindern und Jugendlichen meist noch schwerer als uns Erwachsenen. Obwohl – manchmal bin ich mir dessen nicht so sicher.

Verunsichert schweifen meine Gedanken weiter und ich denke an die Zukunft und frage mich, was noch alles auf uns zukommt. Auf uns als Gesellschaft und auf uns als Familie. Wird es vielleicht soweit kommen wie in anderen europäischen Ländern oder in Teilen Chinas, wo man gar nicht mehr auf die Strasse oder in den Wald darf? Welche langfristigen Konsequenzen hat das alles für die Wirtschaft? Meine Gedanken drehen sich schnell im Kreis.

Bei der ganzen Ungewissheit möchte ich zwei Sachen nicht vergessen: Das Gebet und der Humor. Beides in einem Satz erwähnt – eine vielleicht etwas ungewöhnliche Kombination. Doch nach meiner Erfahrung hilft beides mit schwierigen Situationen umzugehen.

Denn das Gebet und der Humor können uns dabei helfen, die richtige Perspektive einzunehmen.

Wenn wir beten, lenken wir die Gedanken von uns weg auf den Schöpfer. Auf den, der uns schon im Mutterleib gewoben hat, der uns kennt, durch und durch und zu dem wir letztendlich auch wieder zurückkehren. Ich kenne keinen tröstlicheren Gedanken. Auch wenn wir den Humor behalten, nehmen wir Abstand von uns selbst. Lachend sind wir dankbar dafür, dass das Leben noch so viel mehr ist als ein klitzekleiner Virus, der gerade unser Leben «zunderobsi» bringt. Auch das tut gut.


Samstag, 21. März – ausgewählt von Matthias Reuter

Coronagebet

Du, unser Gott,
was wir bisher weit weg von uns glaubten
hat uns erreicht:
ein Virus, das so bedrohlich ist,
dass es die gewohnte Ordnung im Land durcheinanderbringt
und unser Leben spürbar einschränkt.
Viele von uns haben Angst vor dem,
was noch werden kann.
Viele wissen nicht, wie sie schaffen sollen,
was nun verlangt ist.
Viele bangen um ihre wirtschaftliche Existenz.
Gott,
alles ist so ungewohnt,
und wir können nicht einmal mehr zusammenkommen,
um uns im Gottesdienst stärken zu lassen.

Wir denken an die Infizierten,
die in Quarantäne warten,
was auf sie zukommt:
Lass sie den Beistand erhalten,
den sie brauchen.
Wir bitten dich für die Erkrankten,
die um ihr Leben kämpfen müssen:
Halte deine Hand schützend über sie
und bewahre denen, die sie behandeln und die sie pflegen
ihre Kraft und Menschlichkeit.

Wie gut,
dass so Viele ihr Wissen einsetzen,
um das Virus zu bekämpfen:
Lass ihre Erkenntnisse allen Menschen zugutekommen,
und gib denen, die jetzt entscheiden müssen,
wie es weitergeht,
Weisheit, Mut und einen Blick für die,
deren Leben sich dadurch ändert.

Gott, stärke den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft,
weite unseren Blick für die,
die uns gerade jetzt brauchen,
und lass uns über die Sorge um das eigene Leben
nicht die vergessen,
die schlimmer dran sind,
die keine Hilfe erfahren,
die an den Grenzen Europas um ihr Überleben kämpfen.
Bring uns in dieser Krise zur Einsicht
für das, was im Leben wirklich zählt,
und weck in uns Kräfte zum Guten.

Pfrín i.R. Sylvia Bukowski


Freitag, 20. März – Yvonne Meitner

Händewaschen – während der Coronakrise

Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht: Vor der Coronakrise war es für mich bereits selbstverständlich nach jedem WC-Gang die Hände mit Seife zu waschen und dasselbe habe ich auch immer getan, nach dem ich nach Hause gekommen bin – um allfällige Viren von Tasten des ÖV-Verkehrs oder Tür-klinken, -angeln etc. gründlich abzuwaschen. Dank der Coronakrise ist das Händewaschen nun noch häufiger und ausführlicher geworden und muss ich gestehen, 30 Sekunden und bis und mit den Handgelenken empfinde ich nun doch ein wenig als zu lang.

Umso spannender fand ich den Gedanken in einem Fastenkalender, dass man während dieser 30-Sekunden-Regelung doch das Unser Vater-Gebet beten könne. Und dabei auch gleich an die Menschen denken kann, die durch die Krise besonders betroffen sind: Ärzte, Pflegepersonal, Risikogruppen, Menschen in der Gastro- und Eventbranche, Selbständige etc.

Ich muss sagen, ich habe es ausprobiert. Und dabei gemerkt, dass es mir schwer fällt, bei jedem Händewaschen das komplette Unser Vater-Gebet zu beten. Es wird mir dann zu repetitiv, zu wenig ehrlich. Und ich ertappe mich auch dabei, dass ich bei einer Bitte hängen bleibe und plötzlich an jemanden besonders denke und dann in jenem Moment für diesen Menschen ein Gebet zum Himmel schicke.

Auf jeden Fall macht die 30-Sekunden-Regelung beim Händewaschen nun aber doppelt Sinn, bereitet sogar ein bisschen Freude – es ist z.B. auch interessant, bei welchen Bitten ich hängenbleibe und welcher Mensch mir jeweils in den Sinn kommt.

Und wenn Sie Mühe haben mit einem festen Gebet oder im Besonderen mit dem Unser Vater-Gebet, fühlen Sie sich frei, mit Ihren Worten an Andere zu denken, für Andere zu beten.


Donnerstag, 19. März – Jens Naske

Ein Abdankungsgespräch

Gestern hatte ich mein erstes Abdankungsgespräch seitdem die verschärften Massnahmen in Kraft sind. Ein Abschied am Grab im engsten Familienkreis, wie es jetzt nicht anders möglich ist. Als ich mich mit der Witwe verabredet hatte, fragte ich sie wo wir uns treffen wollen, bei ihr zu Haus oder lieber in den kirchlichen Räumen, wo es einfacher ist, die gebotene Distanz von zwei Metern einzuhalten. Sie sagte, sie würde im Moment das Haus nicht verlassen, weil ja ältere Menschen besonders gefährdet seien. Ich gab ihr recht, fragte mich aber gleichzeitig im Stillen, was das für unser Gespräch heissen würde. Was muss ich zur Sicherheit tun, um meine Gesprächspartner nicht zu gefährden? Schliesslich kann die Inkubationszeit des Coronavirus bis zu 14 Tage gehen. Und ich habe in den letzten zwei Wochen viele Kontakte gehabt. Ich entschied mich einen Mundschutz mitzunehmen. Aber wie sollte ich ihn anlegen, ohne die Trauernden zu irritieren? Ich wollte nicht schon an Tür mit dem Mundschutz  erscheinen, also nahm in mit in die Wohnung und erklärte dann, dass ich ihn anlegen möchte, um meine Gesprächspartner zu schützen. Es war mir peinlich, als einziger dort mit dieser Maske zu sitzen, und ich äusserte das dann auch. Mit diesem Eingeständnis als Eisbrecher ging es dann aber doch ganz gut und ich konnte fast vergessen, dass ich ein merkwürdiges Bild abgeben musste, wie ich da mit meiner grünen OP-Maske auf dem Sofa sass…

Zum Glück kannte ich die Witwe recht gut. Das machte  es für mich – aber wohl auch für sie – einfacher, mit diesem Hindernis ein persönliches Gespräch zu führen. Nach einer knappen Stunde haben wir uns dann verabschiedet wie wir uns auch begrüsst hatten: auf Distanz, ohne Händedruck, mit ein wenig Unsicherheit.

Und ich habe gemerkt, wie gut ein Händedruck bei so einem Gespräch in normalen Zeiten tut. Ich freue mich jetzt schon, irgendwann wieder Hände zu schütteln.