PERSÖNLICH: Beheimatung

Heimat ist zunächst der Ort, woher wir kommen, wo wir aufwuchsen mit Eindrücken (Landschaft, Schule, Eltern und weitere), die uns prägten. Für mich hängt Heimat nicht an einer patriotisch-nationalistischen «Schweizer zuerst»-Idee. Als Kind bin ich mit meinen deutschen Eltern eingebürgert worden und auch darum bin ich überzeugter Schweizer.

Das hindert mich nicht, mich zu schämen dafür, wie sich die Schweiz politisch verhält: Diese ewige Angst vor Überfremdung («10 Millionen»), diese Augen-Zu-Mentalität, wenn es darum geht, Fehler in der Vergangenheit einzugestehen («Verdingkinder») oder weil wirtschaftliches Gedeihen über Ethik gestellt wird.

Meine Heimat liegt in der Schweiz, offenbar ist sie aber nicht fix an meinen Ursprungsort gebunden. Meine «Heimat» geht mit mir, sie zügelt sozusagen mit: Von Ettiswil nach Basel, nach Höngg, dann nach Egg und zuletzt nach Horgen. Wobei, kann man Heimat überhaupt mitnehmen oder mitzügeln? Man muss sie sich immer wieder neu suchen, sie erschaffen, sie finden. Sich eben neu beheimaten. Vielleicht passt dazu auch der Begriff einwurzeln – ein schönes Bild, wie ein Baum Wurzeln schlagen… Allerdings sind Bäume irgendwann zu alt, um sie zu verpflanzen. Gilt das auch bei Beheimaten?

Heimat heisst landschaftlich bei mir konstant Hügellandschaften und Blick auf richtige Berge. Im engsten Raum ist meine Heimat da, wo ich im Pyjama zum Briefkasten gehe, denn da bin ich daheim. Daheim hat mit Wohlfühlen – nicht nur äusserlich, sondern auch innerlich – zu tun, und mit Eingebundensein. Heimat hängt am sozialen Umfeld, an Nachbar:innen, Mitarbeitenden von Geschäften, Leuten, die man grüsst oder die mich mit Namen grüssen, auch wenn ich mal wieder deren Namen nicht weiss.

Was ist für Sie «Heimat»? Wie fest ist diese an einen bestimmten Ort gebunden? Mussten Sie sich in Ihrem Leben mehrmals neu beheimaten? War das schwierig? Gab es Zeiten ohne Heimat, also Orte, wo Sie sich nicht beheimaten konnten?

Die grösste Herausforderung wartet in einem Jahr auf mich, wenn wir in die (alte) Heimat meiner Partnerin auswandern, die sie wieder bzw. ich neu finden muss. Eine Herausforderung, der ich mit Respekt und nicht ganz
sorglos entgegensehe, auch weil Berge und Hügel in der neuen Heimat völlig fehlen.

DenkMal von PFARRER MATTHIAS REUTER

Dieser Beitrag wurde fürs reformiert.lokal im Juli 2026 verfasst. Sie finden die Ausgabe hier.